Freitag, 31. Juli 2015

Ekelkram & alte Hüte (Kuriositäten II)


Meine Lieben!

Heute ist mein letzter offizieller Tag als Boschlektor und in zehn Tagen fliege ich zurück nach Deutschland. Wenn meine Rückkehr so wie die anderen wird, erwartet mich wohl in meinem teutonischen Mutterland etwas, was die Angelsachsen „reverse culture shock“ nennen, also der Schrecken mit der ureigenen Kultur nicht zurechtzukommen, weil man sich in der Fremde zu gut eingelebt hat und nun das eigentlich Gewohnte mit ungläubigen Sinnen betrachtet.
Darum nun, als mein ZWANZIGSTER Eintrag (hipp hipp!) auf diesen Seiten ZWANZIG Absonderlichkeiten, die in zwei Jahren für Hänschen Klein zur „Normalität“ wurden. Kleine Vorwarnung: es wird ein bisschen eklig.

Spucken
Ob Männlein oder Weiblein, betagte Greise oder scheue Madeln, niemand ist sich hier zu Schade im Restaurant, im Unterricht, auf der Straße oder im Büro aus den Tiefen des eigenen Organsimus die im Halse hängenden Reste hervorzuräuspern und vergleichsweise zielungenau auf den Erdboden zu schleudern, der so zu einem Hindernisparcours eigener Art wird. Vorliegendes Beispiel ist der Zugabe meines Abschiedskonzerts entnommen und legt beredt Zeugnis von der Klanglichkeit des Räusperungsprozesses ab, wobei der Proband freundlicherweise von der finalen Ejakulation abgesehen hat.


Tischmanieren
Ein eigenes Kapitel, wollte ich alles erfassen vom tief ins Essen kauernder Haltung bis zu den neben dem Geschirr sich türmenden kleinen Häufchen aus Gräten, Knochen und Knorpeln. Ich präsentiere nur das Glanzlicht: das Schmatzen.


Das Hockklo
Spätestens seit dem Bestseller „Darm mit Charme“ wissen wir, dass diese Position die gesündere ist.

Kleine Schritte
Wo wir schon dabei sind und ich schon in der ersten Sammlung dieser Art auf den chinesischen Tick hingewiesen habe überall freundliche Aufforderung an Besucher und Leser zu richten, hier nun die verständliche Bitte an Verrichter des kleinen Geschäfts.

Nach vorn ein kleiner Schritt, zur Zivilisiertheit ein großer Schritt.


Der zivilisierte Weg braucht nur einen halben Schritt.

Tritt einen Schritt näher und das Tröpfchen fällt nicht daneben.

Nähere Dich der Zivilisiertheit, tritt näher beim Urinieren.

Tritt näher beim Urinieren, nähere Dich der Zivilisiertheit.


Hausmeister an ungewöhnlichen Orten

öffentliches WC
Wer hätte das gedacht? Klos haben hier Hausmeister, die quasi am Klo wohnen. Beachtlich! An vielen Orten sehe ich Pförtner, Hausmeister, Putzkräfte, die da (meist beengt) wohnen wo sie auch arbeiten. In meinem – nun ehemaligen – Institut bspw. gibt es diese Haupttreppe unter der der Hausmeister mit seiner Frau und seinem Kind lebt. Auf geschätzten 5 Quadratmetern alles was man braucht: Doppelstockbett, Kochstelle, Rechner und Glotze. Und nach Dienstschluss das ganze Gebäude für Dich allein…


Hühnerfüße

frisch
Ein Klassiker, den sogar die kennen, die nie in China waren. Es ist ein delikater Snack, den es frisch oder auch eingeschweißt in vielen Variationen zu kosten gilt. Mir wurde anvertraut, dass es nicht so sehr um den Geschmack als um den Prozess des Abknaubelns des gummiartigen Gewebes geht. Im Gespräch kam weiterhin die Frage auf, was den wir Westler mit den Füßen machen würden, doch nicht etwa verkommen lassen oder?!?!?!

in der Feinkostabteilung

an einer gewöhnlichen Kasse

Stabwürstchen 
Jeder Spätkauf bietet sie an und so kommen dem Kunden beim Betreten die glücklichen Stabwurstfans entgegen, wahlweise auch mit Maiskolben, Meeresfruchtbällchen oder Teeeiern.

Schlafanzugwandeln
Leider hier kein Bild, aber es ist üblich vor dem Schlafen zu Duschen, sich dann schon mal in Schlafmontur zu begeben und noch einen kleinen Spaziergang um’s Eck zu machen…

Tanzen auf dem Platz
Meist abends treffen sich die älteren Damen auf einer Freifläche (z.B. hier vor meinem Block) zu musikalischer Tanzgymnastik:

Anstehen
Nein, keine Demo, Frühlingsfestheimreiseverkehr.
Ein schweres Kapitel, das mit Regel 3 zum chinesischen Straßenverkehr korrespondiert. Es wird ein chaotischer Haufen gebildet, der mit Öffnen der Tür, trotz Hilfskräfte, die „AUSSTEIGEN LASSEN“ schreien, sofort versucht sich als Ganzes in/aus/durch das Objekt der Begierde zu zwängen.

beim Aussteigen
Im Bahnhof an einem gewöhnlichen Tag.

Dieses Verhalten ist so verbreitet, dass die Kartenschalter schwere Stahlgeländer vor jedem Schalter montiert haben, die die Kundschaft in Reihe zwingt.

wenn mal nichts los ist
Aber auch da drängelt sich immer ein Eiligerer, Wichtigerer, Verzweifelterer an die schmale Ausgangsöffnung links, um sein Anliegen noch vor den Anderen abzuwickeln.

Krempelbauch
Auch ein Klassiker, der aber nur den älteren Männern vorbehalten ist und den man nur bei extremer Hitze und Luftfeuchtigkeit beobachten kann. Sie krempeln ihr Hemd bis unter die Brust hoch, so, dass nur der Bauch zu sehen ist und laufen  dann durch Parks und die Nachbarschaft und genießen die frische Luft die ihre Buddhaplautze umweht.

Pflegemütter
Sie werden hier liebevoll „Baumuhs“ genannt und sind eine ganze Armee, ein ganzer Berufszweig. Die vielbeschäftigten Eltern buchen bei einer (Sklavenhalter-) Agentur eine dieser Damen (vom Land), die dann meist bei der Familie mit lebt, für sie kocht, putzt und natürlich den kleinen Schatz hütet, während Mutti und Vati arbeiten. In Vorräumen, Lobbys und geschützten Plätzen sehe ich dann ganze Scharen von Klein- und Kleinstkindern, die alle gut behütet und beäugt von je einer „A-I“, einer Tante, spielen.

Drehtischunfälle
Ein Standard. Das Essen kommt in Einzelgerichten, von denen alle nehmen. Damit jeder auch an jedes Gericht herankommt, gibt es den Drehtisch. Aber aufgepasst, hier und da ragt ein Löffel, ein Teller oder ein Topfhenkel hervor und reißt das gute Weinglas oder die Teetasse um…

Krach
Werbung im Fahrstuhl, Werbung vorm Fahrstuhl, vor dem Laden platzierte Stereoanlagen, konstante Berieselung mit Hinweisen und Aufforderungen, Infofernsehen im Bus und in der Bahn, Hupkonzerte, 24h-Baustellen und Sinfonien von iPads und Smartphones im Lautsprechermodus. Es ist laut. Chinesische Deutschlandrückkehrer erzählen auch oft wie irritierend die Stille in Deutschland sei, darum fragte ich meine Studenten, ob die Chinesen Angst vor der Stille hätten. „NEIN, wir lieben die Stille!!“ tönte es mir entgegen. Warum dann aber alles so laut ist und sich niemand für Stille einsetzt, konnten sie mir dann nicht erklären. Ich fragte, wann es denn mal wirklich still sei, da sagten sie nur bei Prüfungen.

Sonnenschirme
Diesen offensichtlichen Punkt hätte ich vollkommen übersehen, wenn mich nicht mein Kollege aus Tschungtsching darauf hingewiesen hätte.
Die Chinesen wollen weiße Haut haben, darum schützen sie sich mit Sonnenschirmen. Die sind, wie ihre Mobilfunktelefonschutzhüllen, hoch individuiert mit starkem Hang zum Kitsch.
Absurde T-shirtaufschriften
Was habe ich nicht schon alles gelesen und wie oft habe ich schon nachgefragt, ob der Träger wüsste welche Obszönitäten auf seinem Leibchen stehen, und wie oft wollte ich mich schon echauffieren! Ich hab’s aufgegeben.


Straßenblitzlicht 

Oh, bin ich geblitzt worden? Nein, Nein. Warum besonders in Tunneln und anderen vielbefahrenen Straßen diese Stroboskope installiert sind, weiß ich nicht. Blitzer sind es nicht, ich vermute es dient dazu die Aufmerksamkeit vom Zwang der chinesischen Verkehrsregel 2 wieder auf die Straße selbst zu lenken.

Riesenkontaktlinsen 
Schauen Sie die Augen d.h. die Iriden dieser, allesamt der Schönheitschirugiewerbung entnommenen, Damen an.

Die sind nicht echt. Beim ersten Mal stieß ich auf ein moderates Exemplar, etwas größer als natürlich und tief braun. Doch die scharfen Kanten machten mich stutzig und die Trägerin war leicht beschämt, als sie zugeben musste, dass dies nicht ihre Augen seien.
Es geht aber noch viel viel größer und mit verschiedenen Farbtönen, was auf mich – besonders bei Schwarz –  dann eher einen Science-fiction-Eindruck macht.

Superfeine Fineliner
Hier wird so viel geschrieben. Leistungsdruck und Prüfungsfixierung, machen kiloweise Hausaufgaben nötig. Hinzu kommt die chinesische Schrift, die, wenn man nur 5x5mm große Kästchen zu Verfügung hat, mit ihren vielen Strichen doch recht unangenehm werden kann. Ergo gibt es Stifte und Nachfüllmienen bis zu 0.35mm Strichstärke im Überfluss zum Schleuderpreis in Spitzenqualität, fantastisch. 

Wurmwurzelraupenaphrodisiakum  
Kleines Rätsel: im Winter Wurm, im Sommer Kraut? Parasitäres Pilzpotenzmittel aus China? Ein Fall für den Sohn eines Pilzsachverständigen: Ophiocordyceps sinensis.
Der Pilz befällt die im Boden überwinternde Raupe, zersetzt sie langsam und wächst dann aus ihrem Kopf heraus bis zur Oberfläche. Dort wird er dann von Sammlern gepflückt, vertickt und die nächste Hühnerbrühe gemischt, um gegen Tumore und Viren vorzugehen oder dysfunktionale Schwellkörper auf die Sprünge zu helfen.

Bon Appétit!

Donnerstag, 2. Juli 2015

Formosa die Zweite



Ich war also nochmal auf Taiwan. Diesmal mit der Mission alle Freunde, Lehrer und Orte wiederzusehen, die mir vor zehn Jahren mein Leben hier so angenehm gemacht haben.
Dabei ist mir eine wichtige Sache für langzeitxenophile Kulturwandler aufgefallen, die ich mit Euch teilen möchte. Darüber hinaus möchte ich noch zwei, drei Eindrücke und Gedanken zu Taiwan nachtragen.

Zuerst die wichtige Sache: es ist für mich wichtig, immer wieder zurückzukehren, die Entwicklungen meiner asiatischen Sehnsuchtsheimat zu verfolgen, das Ohr an den Realitäten zu haben, um nicht in eine verklärte Abziehbildmeinung zu verfallen, also immer zu entmystifizieren und die Eindrücke zu erneuern. Das ist mir bei diesem Besuch irgendwie ganz klar geworden.

Als ich aber in Tainan am Bahnhof ankam, an meiner Alma Mater vorbeilief und an hundert anderen Orten, die sich nur leicht verändert hatten, war aber erst einmal Komplettabruf sämtlicher Daten angesagt. Erstaunen darüber, was mein Hirn alles gespeichert hat, aber für mich - ohne den sensorischen Reiz - nicht zugänglich macht. Verrückt! Ich kenne die meisten Wege und Routen, kann mich mit Leichtigkeit orientieren, Häuser wiedererkennen und die mit Ihnen in der Versenkung verschwundene Geschichten und Menschen rekapitulieren. Dann wieder nun unscheinbar wirkende Orte essentieller Begegnungen 




und vor allem schlicht: Vergangenheit. 

Vieles habe ich nicht fotografiert, es wird den Emotionen einfach nicht gerecht und nach zwei Nächten und einem Tag dachte ich: es ist auch gut wieder zu fahren. Nur im Museum der eigenen Biographie herumzukurven, ohne die Option es mit neuem Leben zu füllen, ist nicht sehr reizvoll.
Die überhöhte Erinnerung wurde also wieder relativiert. Das fand ich gut. Taiwan ist ja mein Gegengift, wenn mir die VR nicht passt, aber diesmal konnte ich mit der wichtigen Entdeckung die Unterschiede weniger voreingenommen genießen:

Taiwanesisches Symbolgetränk: der sogenannte - kein Scherz! - "Tittenmilchtee"

Als ich mich des Bechers entledigen wollte fiel mir wieder ein: öffentliche Mülleimer sind fast nicht existent, ist jedesmal wie Ostereiersuchen....

Noch im Verkehrsregelmodus Nr. 10/11 im taiwanischen Kaufhaus, habe ich einen Taiwaner leicht bodygecheckt: der springt zurück, nimmt die Schuld auf sich und fleht unter stetem Kopfnicken und Verbeugen „So soooorry! Everything ok? pay-say, pay-say! You’re fine? I’m so sorry!“  
Ich dachte nur, man bin ich abgestumpft!

Sie sind so sanft, leiser, freundlich und bemüht. *Hach*

Sie haben diese spezielle Einrichtung, die sie "Kampf-lern-zentrum" nennen. Gegen einen kleines Eintrittsgeld bekommt man einen Schreibtischplatz und absolute Ruhe zum Lernen, quasi wie im Internetcafé von früher nur ohne Internet und mit Büchern.

K wie "kick" und über der Treppe "STILLE"

Sie bezeichnen mich nicht als „Lauwei“ (Oller Ausländer) sondern als „Hsienschöng“ (mein Herr).

Alles scheint so einfach hier zu sein, vom Zugfahren bis Durchfragen…

Aber ihr altertümelndes Chinesisch (sie nennen es immer noch „Mandarin“) ist eine echte Sondernummer, kultig in seiner Mischung aus unterdrückten Zischlauten plattgedrückten fallenden Tönen und dem Einfluss des Tai-Ü, dem hiesigen Inseldialekt. 
Der wiederum ist wirklich so erdig und echt wie ein zünftiges Bayerisch:


…aber ihr Chinesisch, mon Dieu, non! Es lebe das klare, klangschöne, geschmeidige Hochchinesisch! Hoch! Hoch! Hoch!

Viele volksrepublikanische Chinesen selbst sagen, so vereinfacht und beschnitten sei es unkultiviert, aber es eröffnet doch Hundertmillionen Teilhabe. Mit Neid blicken einige Taiwaner in die VR auf manche Festländer, die nur bewaffnet mit Ihrer in Armut gegärbten Rauhbeinigkeit und einer Mentalität des Nichts-zu-verlierens am taiwanischen Traditionalismus vorbei nach vorne stürmen und mutig Neues wagen.