Montag, 22. Dezember 2014

Das Hohelied der Asymmetrie


Eines meiner Lieblingsthemen. Oft ist sie zu sehen und hat insbesondere in der traditionellen Kultur ihren festen Platz, was auch heißt, dass es schwer ist Menschen zu finden, die mir meine bohrenden Fragen beantworten können. Heute aber war wieder so eine erhebende Chinesischstunde, mit vielen langersehnten Antworten! Alle sind noch nicht geklärt, doch möchte ich mir die ganzen gesammelten Beispiele endlich vom Herzen posten. Außerdem ist es ein guter Angelpunkt für die noch kommenden endlosen Fotoreihen mit verwandten Themen.

Vorab: bevor ihr den Schluss lest, würde ich gern von Euch wissen, an was Euch diese Muster erinnern, bzw. was ihr denkt wovon sie inspiriert sind und welche Worte ihr wählen würdet, um sie zu beschreiben. Mich hat der chinesische Denkansatz verblüfft.

Das erste Mal habe ich von der Liebe zur Asymmetrie in einem Buch über chinesische Kalligraphie erfahren, das mich darauf hinwies, dass zwei gleiche Elemente innerhalb eines Zeichens immer absichtlich abweichend voneinander geschrieben werden. Da die chinesische Schriftkunst aber ein Universum für sich ist, sei sie hier ausgeklammert und ein Schaufenster, an dem ich jeden Morgen vorbeilaufe, soll mein Einstieg sein, besser gesagt das Regal, was drinsteht erregte meine Aufmerksamkeit. Es ist einfach so schön:
Asymmetrische Regale, eine andere Fotoreihe.
Eher der Handwerksschlamperei als ästhetischer Empfindsamkeit geschuldet, wohl nichtsdestotrotz und wahrscheinlich gerade wegen der im kuturellen Unbewusstsein verankerten Präferenzen nicht begradigt:
Meine Eingangstür
Dagegen zwei absichtsvolle Tore:
Fast ein Regal und doch ein Fenster:
Etwas ausgefeilter:

Jetzt ans Eingemachte:

Aus einer Schnapswerbung

Einfach schön!

Auch Kreise werden gern umschlossen.

Lange habe ich mich gefragt, welches Vorbild liegt hier zugrunde? Auflösung am Schluss!
Hier werden "seltsame Steine" und Jadeschnitzereien verkauft.




krass

Im Olympiastadion Peking, der Heimat eines Asymmetrie-Schwergewichts.

Genau solche Muster und niemand wusste Antwort!
Auf der "schmalen Taille" in Kanton.
Hier fand ich immer die Ähnlichkeit zum sogenannten  Vogelnest“ sehr deutlich
 und als Lösung plausibel, nur ist das Olympiastadion etwas zu jung als Vorbild...
hier auch
Ein Papierhaus zum Verbrennen


 Nun eine neue Variation:

 und nochmal ganz anders


Regal-Sonderfall
Wie einige ganz findige Beobachter schon festgestellt haben, manchmal sind die einzelnen Muster doch symmetrisch gespiegelt. Noch so eine ausstehende Fotoreihe "Muster"überhaupt. Meine geneigte Leserschaft möge mir bitte schreiben, ob sie das langweilen würde...
Den Schluss bildet ein ganz feines Beispiel:

Das ist sie meine kleine Sammlung. Heute habe ich also erfahren, dass man insbesondere die unregelmäßigen Fenster „Blumenfenster“ nennt. Wie ihr gesehen habt, gibt es sie in unendlichen Variationen und als wir das Wort endlich raus hatten (auch meine Lehrerin musste erstmal Baidu, das chinesische Google, bemühen) spuckte das Netz noch viel Schickere aus. Ich zeige Euch nur diese, aber dafür sind sie mit viel Liebe und in akribischer, reisegruppenaufhaltender Kleinarbeit von mir persönlich zusammengetragen worden.


Woran erinnern Euch also die meisten dieser Muster? Ich bin gespannt! 

Hier die Auflösung:
Auf Chinesisch nennt man sie "Eisrisslinien". Überraschend für mich war, dass auch das Craquelé auf Keramikwaren so genannt wird! Voll die neue Sichtweise, bin glücklich nach Hause gelaufen wie einer der endlich den Namen eines erinnerungsschweren Liedes erfahren hat, von dem er nur die ersten paar Töne mit Kinderenglisch kannte! "Bing-liä-wenn."

1 Kommentar:

  1. Definitiv eines Deiner Lieblingsthemen :D! Vielen Dank fürs Augenöffnen und liebste Grüße aus Bischkek :)!

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