Freitag, 11. Februar 2022

Quarantäne in China

Eine Reise nach Peking im Zeichen von SARS CoV-2 

Genossen! 

Hiermit verkünde ich feierlich: ich bin frei & ich habe überlebt!

Wäre da nicht dieser eine Riesenzonk passiert, könnte ich grundsätzlich sagen, dass alles sehr geschmeidig lief. Alle sind sehr bemüht und die Abläufe klar. Man muss nur mitschwimmen. Man wird sorgfältig eingepflegt, an die Hand genommen, Tage vorher informiert und alles steht zu Diensten. Wenn man dann dran ist, dann aber auch bitte schön zett zett und keine Widerrede! Ups, schon wieder eine kleine China-Metapher...

Aber von vorn: nachdem ich also amtlich geröntgt und untersucht war, alle offziellen Einladungsschreiben und Formulare zusammen hatte und vor allem von unzähligen Dokumenten die Überbeglaubigungen der Beglaubigungen endbeglaubigt hatte (alles in allem sechs Monate), ging das Arbeitsvisum für die VR ganz schnell (drei Tage). 

Jetzt konnte das chinesische System beginnen mich einzuverleiben. Dazu erstmal ein neues Set an Passierscheinen darunter natürlich ein negativer Bluttest (venös versteht sich!) in die chinesische Cloud hochgeladen und bang auf die gelobte Botschaft „tung-guo“ (bewilligt), gewartet. 

Habe mich lange nicht so sehr über ein einziges Wort gefreut. Ein, nur potenziertes, Hochgefühl sollte es dann zum Abschluss dann nochmal geben...

Also los. Hoffnungsvoll der Familie „Auf Bald!“ gesagt, mit Vati über die Autobahn gebraust, und nach einer letzten Nacht am Rhein sich vom guten Freund zum Frankfurter Flughafen schippern lassen.

Da zeigten sich dann die Vorboten der nächsten drei Wochen:

Check in

Brudi, isch schwör!

Der Beginn einer Schlacht von QR-Codes...

Am Flugsteig. Die Kabinen-Crew war auch vollvermummt, als hätte sie gewusst, dass trotz aller Tests ZEHN Leute mit Corona mitfliegen. Alle Flüge nach meinem wurden deshalb übrigens abgesagt.

Dann Ankunft in Shanghai und Sortierung nach Zielort. „Shanghai oder anderswo? Zack zack!“

… durch Einbahnstraßen und Menschenseparierungsanlagen...

… zum ersten Test (von insgesamt acht) am Flughafen. Der war speziell. Man betritt einen langen Flur, läuft an „Coronatest- Kundenschaltern“ vorbei aus denen Geräusche menschlichen Unbehagens chorisch tönen: Röcheln, Schreie, Kotzgeräusche. Als ich zu meiner (natürlich vollversiegelten) Sachbearbeiterin komme und mich ihrer „Behandlung“ unterziehe verstehe ich: die  Abstriche von Rachen und Nase erfolgen hinter dem Zäpfchen und an der Rückwand des Gehirns, auch ich habe Mühe die spartanische Flugzeugkost aus Brötchen und Obst nicht auf die Trennscheibe zu erbrechen. Puh, knapp aber geschafft.
Weiter im improvisierten Flughafenlabyrinth...

… zum Aufnahmeschalter aller Daten und Hotelzuordnung.

Besonderes Detail nach 10 Stunden Flug : das Anschnallaufforderungsfieptonkonzert der Bussitze während der Stunde Fahrt zum ersten Quarantänehotel. 

Dann: Absitzen! Kofferdesinfektion! Anmeldung! Einweisung! Haftungsausschluss unterschreiben! Welches Fressi 8, 10 oder 14€? Und: bezahlen! Die Koffer noch durch mit Plastikplanen ausgelegten Gänge und den Fahrstuhl geschoben und ich habe mein erstes Zwischenziel endlich erreicht:
Das Zimmer, Nr.1219. Unten links die Wochenration Wasser.

Bad mit Badewanne. Jippie.

Großes Fenster. Gut.

Man merkt man ist am Meer.

Außer vereinzelten Sportlern und hie und da einem parkenden Auto, nix los. Überhaupt schien das Areal unbewohnt, eher wie Strandwohnungen für die Sommerferien...


Zu meiner Rechten sehe ich in Shanghai, das ja wörtlich „Am Meer“ bedeutet, erstmals das Meer.


JWD, das zweite Hotel war dann beim linken Flughafen-Icon


Zu meiner Linken die Erinnerung an die kindliche Eisenbahnfahrt durch Leuna...

Tja und nun konnten die zwei Wochen Einzelhaft beginnen. Immer nur unterbrochen vom


zweimal täglichen Fiebermessen, den Coronatests aller paar Tage

und dem Klopfen des hoteleigenen Essenbringdienstes dreimal am Tag. Da gab's verschiedene Klopfstile.

Gefängnis: 5 Mal mit der Faust plus Sturmklingeln und zackig „FRRÜHSTÜKK!“

Krankenhaus: ohne Klingeln aber 3 mal kraftig mit Fingergelenken und im Vorsängerton „FRÜHstück!“

Hotel: 2 mal zart und lieblich gesäuselt „Frühstück ^_^“

Dann schnell aus dem Bett gehupft, Tür entriegelt, aufgemacht und das Fresspaket vom Stuhl vor der Tür genommen. Klassisch chinesische Hotelkost die man genau so am Buffet hätte finden können:



Frühs: Reissuppe, Tee-Ei, chinesische Dampfnudel, Süßkartoffel und Rosinenschneckchen



Mittags: Süppchen, Reis und Verschiedenes (Fisch, Tofu, Jemüse)



Abends: Sandbohnensüppchen, Reis, Eiweiß und Ballaststoffe für die Darmperistaltik

Zusätzlich gab's noch eine Speisekarte von der man frei bestellen konnte. Ich dachte mir allerdings, ich nutze den Einschluss, um mal auszuprobieren wie es ist ohne Süßkram und Kaffee auszukommen.

Meine Beschützerin in Peking hat mich allerdings von Ferne mit Obst und Joghurt versorgt.

Kühlschrank

Meine Tagesration Plastikmüll war leider immens.

Der Rest der Tage war gefüllt mit selbstauferlegten Routinen: lesen, 'n bisl Schule, Yoga, Kalligraphie, Youtube und natürlich – ganz der gelangweilte Nachbar - am Spion das Rascheln aufm Gang ergründen.  


Man sieht das ganze Zimmer - wie alles was ich vom Hotel geshen hab – ist mit Schutzplanen ausgelegt.


Wie im Film.

Eines Abends – während ich meine Runden im Zimmer jogge – klopft's ganz zart und einer dieser Menschen in Schutzkleidung fragt, was ich denn da tue. 

Ich sag: Joggen. 

Er: Sport also. 

Ich: Yo. 

Er: Liegestütze und so? 

Ich: Nee, Yogaähnliches. 

Er: Oh, na das ist vielleicht nicht so gut. 

Ich: Wiesou? 

Er: Nun durch dein Laufen wird Schmutz aufgewirbelt. Und diesen Schmutz absorbierst du dann, das ist nicht gut für dich! 

Ich: Raff' ich net (mit leidender Miene). Wäre es ok, dass ich trotzdem weitermache? Es ist die einzige Freude die ich hier noch habe (jetzt fast den Tränen nah). 

Er: Ok, ok, ist nur so ein Hinweis. Du kannst jederzeit klopfen und wir können uns unterhalten. 

Ich: Schön. Ich mach hier weiter, ja? 

Er: Ok.

Das war das Eigenartigste was mir während der Zeit passiert ist. Verstanden habe ich es nicht, naja...

Irgendwann waren die 14 Tage auch rum, dank der vielen Anrufe von Freunden und meiner ersten Onlinewoche an der neuen Schule mit unzähligen Einweisungen und Zoom-Meetings.

Dann noch ein letzter Test am 14. Tag, Handy und Koffer haben auch einen Abstrich bekommen. Man bekommt ein offizielles Schreiben mit Stempel, das man die Quarantäne vollzogen hat und sauber ist. Am 15. Tag zieht man letztlich erst um.


Fahren sie den Bus vor!


Durchs Labyrinth undurchsichtiger Gänge geschlängelt...


Gepäck desinfiziert...


Ein letzter Blick zurück. Wo war ich überhaupt? Bin ja im Dunkeln eingerückt. Und auf zum neuen Hotel der letzten Sieben Tage.

Bei der Fahrt durch die Stadt und dem Beobachten des ganz normalen Lebens, fragte ich mich, wie es wohl sein muss, wenn man nach Jahren im Knast dann entlassen wird. Richtige Freude an kleinen Dingen: oh ein Mann fährt Roller, ein Kind mit Luftballon, oh da benutzt eine Frau den Zebrastreifen, oh ein Laden mit Menschen, die einkaufen. So schön. Das muss wohl der Sinn des Fastens sein...

Nunja, dann auch schon wieder:

Anmeldung

und Einschluss

Direkter Blick in die Zukunft.

ständig startende und landende Flugzeuge


Chinesisch Neujahr vor der Glotze mit chinesischen Maultaschen

Denn ein Glück diesmal durfte man sein Essen selbst bestellen. Dank meiner kompetenten Beratung aus der Ferne gab's immer das Feinste.

Mein Liebling: Tomate mit Ei. Als kleinen Trost für die Strapazen.

Bei der Anmeldung konnte ich beobachten wie das funktioniert:

Eine Armee an Boten bringt im Minutentakt die Bestellungen aus der ganzen Stadt.


Der Schutzmann nimmt sie an und gibt sie an die Ordnerin.


Die Pakete werden auf einem Tisch gesammelt...


...in ein Wägelchen verfrachtet und dann in festgelegten Zeitintervallen an die Türen der Bewohner gebracht. Robotaxis gab's bei uns nicht.


Auch hier sammelt sich eine Unmenge an Müll an.  

Man darf nicht nur Essen eigener Wahl essen auch die zwei mal tägliche Temperaturkontrolle erfolgt in Eigenregie und online (natürlich über QR-Code). Nähert man sich aber dem Ende des vorgesehenen Zeitfensters, bekommt man einen Anruf und die Aufnahme einer Damenstimme fordert einen freundlich auf doch bitte seinen Beitrag zur Prävention der Seuche zu leisten. Ab da hab ich mir dann den Wecker gestellt.

Das Zimmer war zwar wesentlich kleiner, aber auch gemütlicher. Mit dem Flughafen und dem gut frequentierten Parkplatz, wo geböllert und auch Wäsche getrocknet wurde, war etwas mehr Leben in der Nähe und das war irgendwie angenehmer.

In Zimmer 8619 sieben Tage Quittungen sammeln, Check-out und Dokumente organisieren und die Einreise in die streng regulierte Hauptstadt planen.

Und das ist die Geschichte vom Zonk. Peking benutzt nicht die allgemeine „Gesundheitsapp“ für China, sondern hat ihre eigene mit einer speziellen Ausländerversion „Health Kit“ genannt. Ich konnte die zwar installieren, aber sie zeigte immer das an:

*unangenehmer Alarmton*

Nach unzähligen Telefonaten mit meiner Kontaktperson vom Arbeitgeber, der Fluggesellschaft, Shanghaier und Pekinger Bürgerämtern, war man sich schlussendlich uneinig (!), ob ich die App nun brauche oder nicht. „Bring Deine offiziellen Quarantäne-Dokumente mit und Du kannst auf den Flug“, die einen „Die App ist zwingend erforderlich“ die anderen. Und ich dazwischen: „Leute, die funzt bei mir nich, was' los?!“ Alles vergebens. So fahre ich auf dummen Dunst und nur mit leiser Hoffnung zum Flughafen. Da dann die Keule: „Sorry, passiert hier ständig, aber ohne App kein Sitz im Flug nach Peking. Das gilt selbst für Staatsgäste und Diplomaten.“ OK. Wieder zweieinhalb Stunden Telefondienst. Nicht vergessen wir haben chineisches Neujahr, also Weihnachtsferien...Nix tut sich. Ich sehe mich schon im nächsten Hotel rumoxidieren. Das Pekinger Datenzentrum ist nicht mehr erreichbar und alle eigentlich kompetenten Kontakte sind ausgeschöpft oder ratlos. Nur eine langgediente und erfahrene Projektmanagerin aus Peking gibt nicht auf und durchforstet den Wald chinesischer Ratgeberapps auf der Suche nach einer Lösung. Und siehe da, sie wurde fündig: füge bei Deiner Anmeldung in der App hinter Deiner Passnummer 2 Leerzeichen ein. Von einem schnulligen Bug wochenlang terrorisiert worden und dann zwei schlichte Leerzeichen später: 

Kabumm!

Da war er. Ich dachte erst, das ist irgendeine neue Zwischenseite. Aber nein, sie ruft mich an und schreit in den Hörer: „Das ist er, das ist er!! Du hast ihn, Du hast ihn!!! LOOOS!!!!“

Ich also sofort zum Schalter, problemlos den nächsten Flug gebucht, Gepäck aufgegeben und wie auf Wolken durch den Sicherheits-Check. Hat sich angefühlt wie ein Olympiasieg. Das letzte Mal, das ich mich so ähnlich gefühlt habe, war als ich 2004 in Hongkong innerhalb von drei Stunden Expressvisum in der Botschaft beantragt, zum Bahnhof gerast, dort die Karte gekauft und eine Minute vor Abfahrt noch den Schlafwagen nach Schanghai bestiegen hab. Ein Feuerwerk der Gefühle. Nach fünfeinhalb Stunden im Flughafen rumtigern und telefonieren ein Freudenfest. Das schöne war, der Flug ging auch gleich, d.h. ich saß keine halbe Stunde später im Flieger.

Ein Hauch von Tempelhofer Feld.

Besonders nett war, dass ich nun genau an dem Ort war, den ich sieben Tage lang von meinem Fenster beobachten konnte.

Der Blick auf mein Hotelzimmer ausm Flieger von der Startbahn aus. Hübsch, nicht?


Und tschüss!

Das war's. Eigentlich öde, aber zum Schluss dann doch ziemlich aufregend. Eingedenk der ewigen Planung und den tausenden von Ringen durch die ich springen musste, war das Ganze natürlich schon eine ziemliche Nummer. Entsprechend war die Wiedersehensfreude natürlich groß.

Zum Abschluss noch sehr frei übersetzte chinesische Impfpoesie:

Soll uns die Prävention gelingen, so braucht es dich und mich vor allen Dingen.


Ein kleiner Pieks für groß und klein und Covid schafft es in kein Heim.


Auf Bald!