Mittwoch, 3. Dezember 2014

An-Fang (暗访)

Herrschaften!

Guten Tag! oder "Haben Sie schon gegessen?" wie man hier zu sagen pflegt. Als ich gerade auf die mir nun schon oft gestellte, liebevolle Frage, wie es mir denn ginge, eine Antwort schreiben wollte, fiel mir ein, dass ich das wohl in abgewandelter Form noch mehrmals tun würde und ich mich, um mich nicht zu wiederholen, doch durchringen sollte endliche diesen Block anzufangen. So sei es denn nun! Frau möge mir den Verzicht auf den jeweils persönlich adressierten Bericht nachsehen. *verbeug*
Es geht mir gut. Mein erstes Semester als „Lauschöh“ (Lehrer) ist seit gestern mit den qualvollen Aufgaben alle Studenten zu zensieren, die Berge formeller Dokumentationen zu erstellen und die entsprechenden Prüfungsunterlagen abzuheften, beendet. Es ist zu spüren, wie das Land tief einatmet, um den Jahreswechsel nach dem Bauernkalender zu begehen: die Bahnhöfe und Kaufhäuser sind knackvoll, die Züge bersten und die sonst so geschäftige Uni ist still wie ein Grab. Nur Hansen sitzt allein im 20ten Stock und weint, weiler nich heeme darf und durfte. Schon den Weihnaxmann musster ja sausen lassen, denn es war noch Unterricht zu halten und fieberhaft an der Weihnachtsfeier für die Studis zu arbeiten. Die war dann aber sehr schön: Weihnachtsbaum, Weihnachtschor, Kerzenschein, Schwibbogen, Bescherung, Plätzchen & Glühwein. Und am 2. Weihnachtstag wurde dann bei Kaffee in kleinster Runde der extra importierte, wohl verwahrte Weihnachtsstollen verspeist. *nam nam*
Das beantwortet auch die Frage: was mach‘ ich hier eigentlich? Entgegen der bei vergangenen Konzerten kolportierten Info, ich würde hier Musiktheorie unterrichten, verhält es sich tatsächlich so: Hänschen Klein hat 3 Klassen, denen er 3 Aspekte des Deutschen näherzubringen versucht. Den Jüngsten aus dem Jahrgang 2013 die Konversation und den Studentinnen aus dem Jahrgang 2011 in zwei separaten Kursen das Schreiben und das Lesen für Fortgeschrittene. Darüber hinaus erhofft man sich von mir eben solche Veranstaltungen wie die Weihnachtsfeier und die Redaktion der hiesigen deutschen Studierendenzeitschrift, genannt „Gänsefüßchen“, die gerade zum 5. Mal erschienen ist.
Den Rest der Zeit schlag ich mir den Wanzt mit naißm Chinafraß voll und übe mich dabei im Dechiffrieren elaborierter Speisebezeichnungen: hm *überleg*, welche Köstlichkeit mag sich wohl hinter „Verborgene Perle duftenden Schlammes“ verbergen, oder welche Schmakazie wird aufgetischt,  wenn ich „Hinter Bambus ziehen Wolken des Abendrots“ bestelle? Ein ziemlich schwieriges, aber nicht minder lohnendes Unterfangen! Meist pflege ich jedoch bei der „dicken Tante“ zu speisen, wo ich einen Großteil der Karte schon dekodiert habe. Bei ihr ist erwähnenswert, dass sie mit mir eine Ökonomie der Sprache pflegt, die ich hier eher selten erlebe, werde ich doch selbst beim Schlüpferkaufen befragt, wer ich denn sei, woher ich stamme, wo ich wohnen und was ich so verdienen würde. Also ich komm‘ in den Laden, stehe kurz rum wie nicht abgeholt und gucke dumm aus der Wäsche, bis ich irgendwie bemerkt werde (das laute Ranrufen qua „Ej Fräulein“ bzw. „Bedienstete“ bringe ich noch nicht heraus), was das Zeichen ist meine Speisen zu ordern. Jede Ansage wird mit „Hooh!“ (unübersetzbar) quittiert und nochmal als Ganzes in die Küche hineingerufen. Nach kürzester Zeit ist das Happa schon fertig und verpackt, ich werde mit „Ej“ herbeigewinkt, eine Zahl wird artikuliert, ich zahle, schwinge mich auf mein E-krad und mach mich ab.
Ja das E-krad, oder wie es hier liebevoll genannt wird das Blitzbewegmobil, ein Segen! Eigentlich noch während der letzten septemberlichen Höchsttemperaturen aus Sorge vor Überanstrengung mit Hitzeschlag erworben, erweist es sich nun als putziges Instrument den Geheimnissen chinesischen Straßenverkehrsgepflogenheiten auf den Grund zu gehen. Hier stehe ich aber noch ganz am Anfang und werde vielleicht später, wenn ich etwas verstanden habe mich dazu äußern können. Bei meinen Fahrten zur etwas außerhalb gelegenen Sprachschule manifestiert sich in mir bisher etwas, das man mit Auf-alles-gefasst-sein und Wille zum Überleben beschreiben kann.

Nun, für den Anfang!

Ganz der Eure

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